Kriterienbasierte Rehabilitation – Warum Zeit allein kein Reha-Kriterium ist

Kriterienbasierte Reha

von Martin Metz

Seit ich 1999 meine Ausbildung in Sportphysiotherapie gemacht habe, beschäftigt mich eine Frage immer wieder: Wie können wir die Qualität unserer physiotherapeutischen Arbeit objektiver sichtbar machen?

Gerade in der Sportphysiotherapie reicht es aus meiner Sicht heute nicht mehr, Entscheidungen hauptsächlich nach Zeit, Erfahrung oder Gefühl zu treffen. Natürlich bleiben klinische Erfahrung und Clinical Reasoning zentral. Aber wenn wir entscheiden, ob Belastung gesteigert werden kann oder ob der nächste Schritt Richtung Return to Sport sinnvoll ist, sollten wir dafür nachvollziehbare Kriterien heranziehen.

Zeit ist dabei nur ein Faktor. Wie belastbar ist die Patientin tatsächlich? Welche funktionellen Voraussetzungen sind erfüllt? Wo bestehen noch Defizite? Messbare Ergebnisse können diese Entscheidungen nicht ersetzen, aber fundierter und nachvollziehbarer machen.

Kriterienbasiertes Arbeiten ist für mich deshalb kein Nice-to-have mehr. Wer heute seriös in der Sportphysiotherapie arbeiten möchte, braucht objektivierbare Grundlagen für seine Entscheidungen.

 

Sportphysiotherapie bedeutet Belastung gezielt steuern

Sportphysiotherapeut:innen sind Spezialist:innen für aktive Rehabilitation, Belastungsprogression und die Steuerung von Belastung und Belastbarkeit.

Grundlage dafür ist eine fundierte sportphysiotherapeutische Spezialisierung. Technologie oder einzelne Testverfahren können diese Kompetenz nicht ersetzen. Sie erweitern aber unsere Möglichkeiten, Fortschritte sichtbar zu machen und therapeutische Entscheidungen besser zu begründen.

Wenn wir Athlet:innen professionell durch Rehabilitation und Return to Sport begleiten, sollten wir zeigen können, warum wir bestimmte Entscheidungen treffen und woran wir Fortschritte festmachen.

Genau deshalb gehören standardisierte Tests in unserer Sportphysiotherapie-Ausbildung seit vielen Jahren selbstverständlich dazu.

Denn kriterienbasiert zu arbeiten bedeutet nicht automatisch, teure Technologie einzusetzen. Schon mit standardisierten Tests ohne zusätzliche Messgeräte lassen sich relevante Informationen gewinnen. Ein Beispiel ist der Y-Balance-Test. Entscheidend ist, Tests korrekt durchzuführen, zu standardisieren und Ergebnisse im Verlauf erneut zu erheben.

Aus „Ich glaube, die Patientin ist schon stabiler“ wird dadurch eine nachvollziehbarere Einschätzung ihrer Entwicklung.

Für unseren Berufsstand halte ich genau diese Entwicklung für wesentlich: weg von reinen Gefühlsentscheidungen, hin zu messbaren und überprüfbaren Ergebnissen.

 

Objektivierung ist auf unterschiedlichen Ebenen möglich

Nicht jede Praxis braucht ein High-Tech-Labor. Aber aus meiner Sicht muss jede Sportphysiotherapeut:in heute kriterienbasiert arbeiten.

Dabei sehe ich drei Ebenen.

 

1. Standardisierte Tests ohne technische Hilfsmittel

Die Basis bilden klinische und funktionelle Tests, die mit wenig oder keinem zusätzlichen Equipment durchgeführt werden können.

Damit lassen sich beispielsweise Balance, Bewegungskontrolle oder funktionelle Leistungsfähigkeit standardisiert beurteilen. Diese Form des Testings ist in praktisch jeder Praxis möglich und gehört für mich zur Grundausstattung professioneller Sportphysiotherapie.

 

2. Messsysteme für die physiotherapeutische Praxis

Die nächste Stufe sind mobile und mittlerweile gut zugängliche Messsysteme – etwa Dynamometer, Kraftmesssysteme oder Druckmessplatten. Anbieter wie MAT – Movement Assessment Technologies (Öffnet in einem neuen Tab oder Fenster) oder VALD   (Öffnet in einem neuen Tab oder Fenster)machen objektive Messungen heute auch unter normalen Praxisbedingungen zunehmend gut umsetzbar.

Für spezialisierte Sportphysiotherapie-Praxen sollten solche Möglichkeiten aus meiner Sicht zunehmend zum Standard gehören.

Entscheidend ist allerdings nicht, ein Messgerät zu besitzen. Man muss wissen, was man misst, wie man misst und welche Konsequenzen man aus den Ergebnissen für das Reha-Training ableitet.

Diese vertiefte Arbeit mit Assessments und Messdaten ist deshalb beispielsweise auch Bestandteil unseres Masterlehrgangs Sportphysiotherapie.

 

3. High-End-Testing für besondere Fragestellungen

Die dritte Ebene bilden spezialisierte Testzentren mit Möglichkeiten, die eine normale Physiotherapiepraxis weder abbilden kann noch abbilden muss.

Genau das erleben wir an unserem Standort in Innsbruck. Das Physiozentrum teilt sich dort die Räumlichkeiten mit MOTUM (Öffnet in einem neuen Tab oder Fenster)– einem Labor für High-Tech-Bewegungsanalysen und einer innovativen Test-Erlebniswelt. Insbesondere Spitzensportler:innen können dort sehr detailliert getestet und unterschiedliche Aspekte ihrer Leistungsfähigkeit objektiviert werden.

Für mich ist das kein Konkurrenzmodell zur betreuenden Physiotherapie. Eine Sportphysiotherapeutin kann ihre Patient:innen oder Athlet:innen weiterhin durch die gesamte Rehabilitation begleiten und für spezifische Fragestellungen zusätzliche High-End-Testungen bei MOTUM nutzen. Die Ergebnisse fließen anschließend wieder in die weitere Betreuung und das Reha-Training ein.

Gerade in der Betreuung von Spitzenathlet:innen kann diese Zusammenarbeit ein zusätzliches Qualitätsmerkmal sein.

 

Von Innsbruck zu den Return-to-Sport Summits

Die Nähe zu MOTUM und der Austausch mit unseren Partnern Sportphysiotherapie Huber& Mair in Innsbruck haben unsere Auseinandersetzung mit kriterienbasierter Rehabilitation wesentlich geprägt.

Mit unseren Return-to-Sport Summits wollten wir dieses Thema über die eigenen Strukturen hinaus weiterentwickeln. 2024 stand der fachliche Austausch mit hochkarätigen internationalen Speakern im Mittelpunkt. 2026 haben wir bewusst stärker Expert:innen aus Österreich eingebunden – mit dem Ziel, eine österreichische Return-to-Sport-Community aufzubauen und gemeinsam an der Weiterentwicklung dieses Bereichs zu arbeiten.

Dabei kam von Teilnehmenden eine berechtigte Rückmeldung:

„Das ist spannend – aber die Möglichkeiten von MOTUM haben wir in unserer Praxis nicht.“

Diese Aussage ist mir im Gedächtnis geblieben.

Denn kriterienbasierte Rehabilitation darf nicht daran scheitern, dass eine Praxis kein High-Tech-Labor zur Verfügung hat.

 

MAT: Die Lücke zwischen einfachem Assessment und High-End-Labor

Genau deshalb freue ich mich, dass wir mit MAT: Data that Delivers (Öffnet in einem neuen Tab oder Fenster) nun einen Anbieter nach Österreich holen, der diese Lücke praxisnah schließt.

MAT ermöglicht Physiotherapeut:innen, mit überschaubarem Equipment standardisierte Assessments für Rehabilitation, Return to Sport und Performance in der eigenen Praxis durchzuführen.

Der wesentliche Punkt ist für mich dabei nicht die Menge an Messwerten, sondern ihre Bedeutung für die therapeutische Entscheidung:

  • Was möchte ich wissen?
  • Welcher Test liefert dafür relevante Informationen?
  • Wie interpretiere ich das Ergebnis?
  • Was bedeutet es für das weitere Reha-Training?
  • Wann teste ich erneut?

Genau diese Verbindung zwischen standardisiertem Testing, objektivierbaren Ergebnissen und praktischer Anwendung macht MAT für uns interessant. Kriterienbasierte Rehabilitation wird damit nicht auf Leistungszentren oder High-End-Labore beschränkt, sondern auch im normalen physiotherapeutischen Praxisalltag gut umsetzbar.

 

Kriterienbasiertes Arbeiten gehört zu unserem professionellen Selbstverständnis

Für mich geht es bei diesem Thema um wesentlich mehr als um einzelne Tests oder Geräte. Es geht darum, wie wir Sportphysiotherapie verstehen und als Berufsgruppe weiterentwickeln wollen.

Unsere Stärke liegt in der aktiven Rehabilitation. Wir begleiten Menschen beim Wiederaufbau ihrer Belastbarkeit, steuern Progressionen und bereiten sie auf die Anforderungen ihres Sports vor.

Wenn wir diesen Anspruch ernst nehmen, müssen wir dort, wo es sinnvoll möglich ist, auch messen, dokumentieren und unsere Entscheidungen nachvollziehbar machen.

Kriterienbasiertes Arbeiten ist für moderne Sportphysiotherapie keine Zusatzqualifikation. Es gehört aus meiner Sicht zu ihrem professionellen Selbstverständnis.

 

Auch aktive Sportphysiotherapeut:innen tragen Verantwortung dafür, diese Entwicklung weiter voranzutreiben. Denn je stärker wir zeigen können, was wir tun, warum wir es tun und welche Veränderungen wir damit erreichen, desto klarer wird auch die Rolle der Sportphysiotherapie innerhalb der Rehabilitation.

Mit unseren Sportphysiotherapie-Ausbildungen, dem Masterlehrgang, den Return-to-Sport Summits, der Zusammenarbeit mit MOTUM, VALD und nun auch mit MAT wollen wir als Physiozentrum unseren Beitrag dazu leisten.

 

Mehr zu MAT: Data that Delivers (Öffnet in einem neuen Tab oder Fenster)

 

Hinweis: Dieser Beitrag wurde zur besseren Lesbarkeit mit Unterstützung künstlicher Intelligenz erarbeitet.