von Irene Weis (Öffnet in einem neuen Tab oder Fenster)
(PT, Lektorin und Mitglied bei der Beckenbodengesellschaft (Öffnet in einem neuen Tab oder Fenster))
Wenn Patientinnen rund um die Menopause über diffuse Gelenkschmerzen, Muskelverspannungen, Müdigkeit und Leistungsabfall klagen, wird in der Praxis oft noch „stückweise“ gedacht: ein bisschen Orthopädie hier, ein bisschen Gynäkologie dort. Dabei zeigen aktuelle Daten, dass hormonelle Veränderungen, Entzündungsgeschehen (Inflammaging) und Lebensstilfaktoren eng mit der muskulären, knöchernen und faszialen Gesundheit verknüpft sind. Für Physiotherapeut:innen eröffnet das große Chancen – vorausgesetzt, wir verstehen die Zusammenhänge und können Training gezielt einsetzen.
Hormone, Muskeln, Knochen – ein vernetztes System
Die Perimenopause – also die Übergangszeit vor der Menopause – kann bereits ab Mitte bis Ende 30 beginnen. In dieser Phase schwankt der Östrogenspiegel stark – vergleichbar mit einer Achterbahnfahrt. Diese hormonellen Veränderungen wirken sich auf viele Systeme im Körper aus, etwa auf Stimmung, Temperaturregulation, Schlaf, Belastbarkeit und kognitive Funktionen (Stichwort Brain Fog).
Mit fortschreitender Zeit sinkt das Östrogen in Wellen, bis es in der Postmenopause schließlich nur noch in sehr geringer Menge vorhanden ist. Das hat weitreichende Folgen für das muskuloskelettale System (MSK):
- Muskelmasse und -kraft verringert sich (Sarkopenie-Risiko)
- Knochenstoffwechsel wird heruntergefahren (Osteoporose-Risiko)
- Bindegewebe, Sehnen und Gelenke werden durch vermehrte Entzündungsprozesse anfälliger (z.B. für Frozen Shoulder, Plantarfasziitis,…)
- Schmerzverarbeitung und Stimmung werden beeinflusst
Gleichzeitig verschiebt sich der Stoffwechsel: viszerales Fett (Bauchfett) nimmt zu, die Insulinsensitivität sinkt, und niedriggradige Entzündung nimmt zu – hier kommt der Begriff „Inflammaging“ ins Spiel.
Was ist Inflammaging?
Unter Inflammaging versteht man eine chronische, niedriggradige, systemische Entzündung, die mit zunehmendem Alter auftritt – ohne akute Infektion oder klaren Entzündungsherd. Vereinfacht ist es ein „leiser, dauerhafter Entzündungsteppich“ im Hintergrund, der Entzündungsmarker leicht erhöht, Gewebe anfälliger macht und dadurch altersassoziierte Beschwerden wie Arthrose, kardiometabolische Erkrankungen und Osteoporose begünstigt.
In der Menopause beschleunigt der Östrogenverlust diese Prozesse zusätzlich. Da Östrogen in vielen Bereichen des Körpers entzündungshemmend wirkt, kann sein Rückgang in den Wechseljahren zu mehr Entzündungsaktivität beitragen – viele Frauen erleben das als diffuse Schmerzen, Müdigkeit und langsamere Erholung, oft ohne klare Diagnose.
Warum Training in der Menopause „anders gedacht“ werden muss
Die gute Nachricht: Bewegungstherapie gehört zu den wirksamsten Interventionen, um muskuloskelettale Beschwerden, metabolische Risiken und Inflammaging zu beeinflussen. Gezieltes Kraft- und Intervalltraining können Muskelmasse und Knochendichte stabilisieren oder verbessern und wirken sich positiv auf Schmerz und Lebensqualität aus. Gleichzeitig reduziert regelmäßige körperliche Aktivität proinflammatorische Prozesse und verbessert kardiometabolische Risikofaktoren.
In der Praxis bedeutet das für Physiotherapeut:innen, dass über die klassischen physiotherapeutischen Ziele – wie Beweglichkeit und Funktion von Beckenboden, Beinachsen usw. – hinausgedacht werden sollte. Durch den Wegfall der anabolen Wirkung von Östrogen braucht es nun adäquate externe Reize, um das muskuloskelettale System und den Stoffwechsel gezielt zu stimulieren.
Krafttraining: Ausreichend intensive und progressive Belastungsreize, um Sarkopenie, Funktionsverlust und Osteoporose entgegenzuwirken.
HIIT / Intervalle: Gut dosierte Intervallformen zur Verbesserung von Stoffwechsel und Insulinresistenz, kardiovaskulärer Fitness und subjektiver Energie.
Viele Patientinnen brauchen zusätzlich Unterstützung bei Pausen, Schlaf und Stressmanagement, da diese Faktoren eng mit Schmerz, Erholung und Trainingsanpassung zusammenhängen – und ebenfalls Einfluss auf das Inflammaging haben.
Und der Beckenboden?
Für viele peri- und postmenopausale Frauen ist der Beckenboden ein zentrales Thema: Beschwerden wie Harninkontinenz, Senkungen oder Schmerzen im Beckenbereich führen häufig dazu, dass körperliche Aktivität vermieden wird. Rund zwei Drittel der Betroffenen berichten, dass genau diese Probleme sie vom Sport abhalten.
Der Beckenboden und das umgebende Bindegewebe reagieren sensibel auf den Rückgang von Östrogen: Schleimhäute werden trockener, das Gewebe verliert an Stabilität und Elastizität – was ohne gezielte Kräftigung oder gegebenenfalls lokale medikamentöse Unterstützung zu Funktionsverlusten führen kann.
Umso wichtiger ist ein frühzeitiges Wahrnehmen von Warnzeichen wie Schmerzen, Druck- oder Fremdkörpergefühl, vermehrtem Harndrang oder Harnverlust. In solchen Fällen sollte immer eine gynäkologische Abklärung sowie ein physiotherapeutisches Assessment durch spezialisierte Therapeut:innen erfolgen.
Wird der Beckenboden nicht adäquat unterstützt oder trainiert, kann er zur Barriere für allgemeine körperliche Aktivität werden – und damit den Beginn altersassoziierter Beschwerden und Funktionsverluste markieren. Physiotherapie schlägt hier eine entscheidende Brücke zwischen Beckenboden-, muskuloskelettaler und Trainingstherapie.
Rolle von Therapeut:innen in Aufklärung und Begleitung
In der Menopause geht es selten nur um „mehr Bewegung“, sondern um passende Bewegung – richtig dosiert, verständlich erklärt und an die individuelle Situation angepasst. Physiotherapeut:innen können hier weit über das reine Übungsprogramm hinauswirken, indem sie:
- physiologische Veränderungen verständlich erklären und Mythen aufklären,
- realistische, funktionelle Ziele gemeinsam mit den Patientinnen erarbeiten,
- Körperwahrnehmung fördern, um Unterschiede zwischen Trainingsreiz und Warnsignal zu erkennen,
- gemeinsame Strategien für Training, Alltag, Pausen und Schlaf entwickeln, die zum jeweiligen Leben passen.
So wird Bewegungstherapie in dieser Lebensphase zu einem gemeinsamen Prozess des Verstehens, Anpassens und Stärkens.
Fachlicher Austausch – Das Beckenboden Symposium 2026
Das muskuloskelettale Syndrom der Menopause ist komplex – hormonelle Veränderungen, Biomechanik, Lebensstil, Ernährung und psychische Faktoren greifen eng ineinander. Gerade diese Vielschichtigkeit zeigt, wie wichtig fachlicher Austausch, aktuelles Wissen und ein interdisziplinärer Blick in der Betreuung betroffener Frauen sind.
Genau diesen Themen widmet sich das Beckenboden Symposium 2026 – Der Körper im Wandel – Lebensübergänge interdisziplinär betrachtet (Öffnet in einem neuen Tab oder Fenster) am 13.–14. November 2026 in Hall/Tirol. Dort treffen sich Fachpersonen aus verschiedenen Gesundheitsberufen, um Wissen zu vertiefen, Erfahrungen zu teilen und Perspektiven weiterzudenken.
Ich freue mich, mit einem Vortrag und einem Workshop zum muskuloskelettalen Syndrom der Menopause Evidenz, klinische Erfahrungen und therapeutische Ansätze einzubringen – für praxisnahe Impulse und interdisziplinären Dialog.
Neu 2027: vertiefendes Wissen im Kursformat
Mein Kurs „Muskuloskelettales Syndrom der Menopause (Öffnet in einem neuen Tab oder Fenster)“ greift die oben angesprochenen Themen, Hormonwissen, Training und therapeutische Begleitung, vertiefend auf. Er verbindet Hormonverständnis, Inflammaging, muskuloskelettale Beschwerden, Beckenboden und Training in einem kompakten, praxisorientierten Format.
Wenn dich das anspricht und du dein vorhandenes MSK- und/oder Beckenbodenwissen mit Trainingstherapie und Hormonverständnis verknüpfen möchtest, sind sowohl der Kurs als auch das Symposium eine gute Gelegenheit, Wissen zu vertiefen, neue Impulse mitzunehmen und dich mit Kolleg:innen zu vernetzen.

